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Die Risiken von Schlafmitteln

Tabletten zum Einschlafen können Menschen in akuten Lebenskrisen helfen. Doch sie können auch abhängig machen, ihre Wirkung verlieren und Angst auslösen
von Diana Engelmann, 23.06.2016

Nachts ohne Ruhe? Der Blick auf die Uhr ist oft frustrierend

W&B/Sabine Büttner

Die Zeit dehnt sich wie Kaugummi. Einfach entspannen, bitte. Rechte Seite. Linke Seite. Oder doch besser auf dem Rücken? Vielleicht das Fenster öffnen? Dunkelheit füllt nicht nur den Raum. Sie dringt auch Stück für Stück in die Gedanken, die kein Ende finden. Bis der Morgen graut.

Wer längere Zeit nicht schlafen kann, leidet. Und kennt wahrscheinlich die vielen Tipps zu Schlafhygiene, abendlichen Ritualen, Entspannungsverfahren und Bewegungsanreizen. Aber findet womöglich trotzdem keine Ruhe. In solchen Situationen können verschreibungspflichtige Schlaftabletten helfen.

Mittel können abhängig machen

Die Mittel aus der Gruppe der Psychopharmaka, Benzodiazepine und Z-Substanzen, besitzen allerdings einen schlechten Ruf. Teilweise zu Recht. Es stimmt, dass sie abhängig machen, nimmt man sie über einen längeren Zeitraum. Noch dazu wirken sie irgendwann nicht mehr wie gewünscht. Ihre Effekte können sich mitunter sogar ins Gegenteil verkehren: Dann machen die Arzneien unruhig, ängstlich, psychisch instabil. Später stumpft man emotional ab, freut sich nicht mehr richtig, ist nicht mehr wirklich traurig. Auch Konzentrationsstörungen sind möglich.

Beim Einschlafen helfen die Mittel jedenfalls nicht mehr – und wenn doch, wirkt der Placebo-Effekt. Deswegen sollten verschreibungspflichtige Schlafmittel nicht länger als drei Wochen eingenommen werden, in Einzelfällen kann die Therapie auch länger ausgedehnt werden.

Schlafmittel nur für kurze Zeit anwenden!

Dann aber auch nur, um mit Ausnahmesituationen im Leben zurechtzukommen und die Zeit zu überbrücken, bis andere Strategien wie eine Psychotherapie greifen. Wenn zum Beispiel der Ehepartner stirbt oder jemand anderes, der einem nahesteht. Wenn man den Job verloren hat und dadurch womöglich der gesamte Lebensentwurf in sich zusammenfällt, wenn die Ehe gescheitert oder sonst etwas vorgefallen ist, was das Vertrauen in das Leben tief erschüttert. Weitere Gründe, in denen Psychopharmaka als Schlafmittel infrage kommen, sind eine bevorstehende Operation, mitunter ein Jetlag.

Dr. Rüdiger Holzbach, Leiter der Suchtmedizin der LWL-Kliniken in Lippstadt und Warstein

W&B/Thomas Pflaum

Auch bei akuten psychischen Erkrankungen sind Psychiater froh, dass sie auf diese Medikamente zurückgreifen können. "Benzodiazepine haben die Psychiatrie humanisiert. Wir können viele Krisensituationen mit ihnen sehr gut entschärfen – seien das schwere Ängste, Suizidalität oder Aggressivität", sagt Dr. Rüdiger Holzbach. Er leitet die Abteilung Suchtmedizin der LWL-Kliniken in Lippstadt und Warstein und forscht zum Thema Langzeitverschreibung von Benzodiazepinen.

Z-Substanzen wirken spezifischer

Die Präparate galten lange als Mittel der Wahl, um akute Insomnien, ­also Schlaflosigkeit, zu lindern. Allerdings machen sie schnell süchtig, deshalb sind seit 25 Jahren die sogenannten Z-Substanzen oder Z-Drugs als mögliche Alternative auf dem Markt. Ihren Namen verdanken sie dem ­­gleichen Anfangsbuchstaben ihrer Wirkstoffe – Zopiclon, Zolpidem und ­­Zaleplon. Ihr Werbeversprechen: weniger Abhängigkeitspotenzial und eine gezieltere Wirkung. "Inzwischen wissen wir aber, dass die Unterschiede der Risiken doch nur gering sind", sagt Professor Dieter Riemann, Psychologe und Schlafforscher an der Uniklinik Freiburg.

Man erhoffte sich positivere Effekte, weil Z-Substanzen im Gegensatz zu Benzodiazepinen spezifischer an den sogenannten GABA-Rezeptoren im Gehirn wirken. "Sie sollen nur an dem Subtyp greifen, der für die hypnotische Wirkung und damit fürs Einschlafen zuständig ist. Und nicht – wie Benzodiazepine – auch an dem Subtyp für Angstlösung und Muskelentspannung", so Riemann.

Weitere Mittel gegen Schlafstörungen

Antidepressiva: Trizyklika werden auch bei Schlafstörungen eingesetzt. Sie haben viele Nebenwirkungen.  
Neuroleptika: Von den Medikamenten gegen Psychosen als Schlafmittel ist eher abzuraten. 

Antihistaminika: Antiallergika der älteren Generation können auch müde machen. Bei Prostatavergrößerung und grünem Star darf man sie nicht nehmen.

Melatonin: Ob das Hormon, das den Schlafrhythmus fördert, auch als Arznei hilft, ist umstritten.

Phytopharmaka: Hopfen, Melisse, Passionsblume oder Baldrian kommen infrage und eignen sich zur längerfristigen Anwendung.


Prof. Dieter Riemann, Psychologe und Schlafforscher, Uniklinik Freiburg

W&B/Privat

Zum Einschlafen muss Gehirn Aktivität drosseln

Damit wir einschlafen können, benötigt unser Gehirn das Signal "Aktivität drosseln". Dieses sendet der Botenstoff Gamma-Amino-Buttersäure, kurz GABA. Die GABA-Rezeptoren leiten das Bitte-Ruhe-Signal von Nerv zu Nerv. Benzodiazepine und Z-Substanzen verstärken den Impuls am GABA-Rezeptor.

Wenn die Mittel weniger angstlösend wirken, so glaubte man, dann tritt auch nicht so schnell das auf, was Fachleute "Craving" nennen: das Verlangen nach der Substanz, die einen angenehmen und entspannten Zustand provoziert – oft der erste Schritt in die Sucht.

Vor allem ältere Menschen sind abhängig von Schlafmitteln

Als abhängig von Schlaftabletten gelten in der Bundesrepublik 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen. Das zeigen Zahlen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. "Vor allem ältere Menschen über 65 sind betroffen", sagt Mediziner Holzbach. Zwar ist die Zahl der Verschreibungen auf Kassenrezept in den letzten 20 Jahren stark gesunken – laut Arzneiverordnungs-Report 2015 sogar um knapp 80 Prozent. Das bildet den tatsächlichen Konsum aber nicht verlässlich ab, denn viele Verordnungen laufen über Privatrezepte.

Betrachtet man die Zahl der Abhängigen gegenüber den Auslieferungen der Apotheken, abzüglich der Privatversicherten, wird auch klar, dass einige Ärzte die Arzneien länger als drei Wochen verordnen. "Viele Kollegen haben kein gutes Gefühl bei langfristigen Verschreibungen. Deshalb die Privatrezepte", sagt Holzbach. Manche scheinen auch die Gefahren bei niedrig dosierter Dauer­anwendung fälschlicherweise als nicht so schlimm einzustufen.

Das Gehirn gewöhnt sich an die Mittel

Es gibt in der Tat Fälle, in denen Patienten auch nach langer Zeit keine Probleme mit den Psychopharmaka haben – solange sie nicht versuchen, diese wieder abzusetzen. Dann schläft man nämlich meistens erst mal deutlich schlechter. "Das Gehirn hat sich daran gewöhnt, stimuliert zu werden", erläutert Experte Riemann. Es dauert etwa ein bis zwei Wochen, bis es die Prozesse wieder selbst einleitet, die zum Schlafen notwendig sind. Viele verwechseln diese Reaktion, glauben, die ursprünglichen Schlafprobleme bestünden fort – und greifen erneut zu den Tabletten.
Häufig treten Probleme aber bereits auf, bevor Betroffene versuchen, von den Medikamenten loszukommen. Zum Beispiel stürzen vor allem ältere Patienten, die Schlafmittel nehmen, schneller. "Dann kann es passieren, dass sie sich den Oberschenkel brechen", berichtet Schlaf­forscher Riemann. Gerade im hohen Alter hat das oft fatale Folgen.

So sinnvoll verschreibungspflichtige Schlaftabletten in manchen Fällensein mögen, sollte man sie nicht als Heilmittel gegen Insomnien betrachten. Sie betäuben nur kurzfristig ein Symptom, an der Ursache kratzen sie nicht. Deshalb bitte nicht leichtfertig anwenden. Und auf keinen Fall verschlafen, rechtzeitig aufzuhören.



Bildnachweis: W&B/Thomas Pflaum, W&B/Privat, W&B/Sabine Büttner

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